Welchen Sinn haben diese blöden Muster im Leben?
Manche Konflikte suchen wir uns nicht aus – unser Nervensystem tut es für uns. Immer dieselben Dramen, nur mit neuen Gesichtern? Vielleicht ist es Zeit, zu verstehen, welche Muster hinter den Mustern ablaufen – und wie du das endlich änderst.
- Wiederkehrende Muster sind alte Sicherheitsprogramme: Muster sind intelligente Schutzstrategien deines Nervensystems aus der Vergangenheit – sie suchen aktiv nach vertrauten Situationen, um sich sicher zu fühlen.
- Dein Großhirn macht dich blind für deine eigenen Muster: Während Außenstehende Wiederholungen klar erkennen, erklärt dir dein Verstand jede Situation einzeln weg.
- Veränderung ist möglich, aber braucht neue Sicherheit: Alte Muster lassen sich nicht einfach abstellen – sie müssen durch bessere Alternativen ersetzt werden, die dem Nervensystem zeigen: Es gibt sicherere Wege als die alten Dramas.
Innere Muster und ihre gute Absicht – ganz biologisch
Ich hatte überhaupt keinen Bock mehr auf einen Jour Fixe mit ihm – nennen wir ihn Thomas, diesen einen Mitarbeiter, der mich regelmäßig zur Weißglut gebracht hat.
Er war kompetent, selbstbewusst – nur aus meiner Sicht oft renitent. Ständig diskutierte er meine Entscheidungen, ignorierte meine Wünsche. Jedes Gespräch mit ihm artete in endlose Debatten aus. Ich fühlte mich als Geschäftsführer nicht respektiert, untergraben, manchmal sogar vorgeführt.
„Klaus, erzähl mir von anderen Situationen, in denen dir das schon ähnlich passiert ist.“
Das war die entscheidende Frage eines Coaches zu meinem Konflikt mit Thomas. Und plötzlich war klar:
Es war nicht nur dieser eine Mitarbeiter. Es waren mindestens drei oder vier ähnliche Typen über die Jahre verteilt. Das Muster war immer dasselbe – nur die Gesichter wechselten. Und der gemeinsame Nenner war: ich.
Wir führen die gleichen Dramen immer wieder auf, nur mit neuen Darstellern.
Teebeutel-Weisheit trifft auf Neurobiologie
Mal der Partner, der uns „wieder“ nicht versteht, mal der Chef, der uns „schon wieder“ übergeht.
Auf Teebeuteln steht manchmal: „Alles kommt zu dir zurück, bis du die Lektion gelernt hast.“
Dass das tatsächlich nicht nur Zufälle sind, lässt sich mittlerweile sogar neurobiologisch erklären. Vielleicht mag also das Universum seine Hände mit im Spiel haben – in jedem Fall tut es unser Nervensystem.
Der neurobiologische Grund: Alte Sicherheit in vertrauten Mustern
Unsere wiederkehrenden Muster sind hochintelligente Anpassungsprogramme aus frühen Tagen.
Beispiel: Wer als Kind lernte, dass seine Bedürfnisse übersehen wurden, hat möglicherweise die Strategie entwickelt: „Ich muss laut werden, damit man mich wahrnimmt“ – oder das Gegenteil: „Ich ziehe mich zurück, bevor ich enttäuscht werde.“
Als Erwachsener sucht diese Person unbewusst Partner, Chefs oder Freunde, die genau das wieder aktivieren. Nicht aus Masochismus, sondern weil das Nervensystem in diesen vertrauten Dynamiken seine alten Schutzstrategien anwenden kann.
Bekannte Muster fühlen sich vorhersehbar an – und Vorhersehbarkeit bedeutet aus Sicht des Nervensystems Sicherheit.
Wir ziehen Menschen an, beziehungsweise suchen solche, die ähnliche Signale aussenden wie alte Bezugspersonen. Der Tonfall, die Dynamik, die Energie – all das triggert dieselbe Reaktion. In Thomas steckte ganz viel von meinem Vater!
So erschaffen wir unbewusst neue Bühnen für alte Programme. Deshalb suchst du immer wieder genau die Mitarbeiter, Partner oder Situationen, die deine alten Knöpfe drücken. Das erklärt, warum der „schwierige“ Mitarbeiter bei anderen Chefs plötzlich kooperativ ist oder warum die „problematische“ Ex-Partnerin in ihrer neuen Beziehung harmonisch lebt.
Du ziehst nicht das an, was du brauchst – sondern das, was dein Nervensystem für sicher hält.
Mein eigenes Muster mit Thomas & Co. folgte genau dieser Logik:
Ich wollte unbewusst verhindern, wieder in das Gefühl von Ohnmacht zu rutschen – dieses alte Gefühl, nicht gehört zu werden, sich behaupten zu müssen. Mein Körper hat also das getan, was er gelernt hatte: kämpfen, argumentieren, überzeugen. Nicht nachgeben.
Das war die gute Absicht meines Nervensystems – auch wenn es mich regelmäßig in destruktive Machtkämpfe verwickelte.
Unser Gehirn bevorzugt Vertrautes, selbst wenn es schmerzhaft ist. Was bekannt ist, fühlt sich sicherer an als das Unbekannte – auch wenn diese „Sicherheit“ bedeutet, immer wieder ähnlichen Stress zu erleben.
Wie wir unbewusst passende Gegenspieler erschaffen
Wir inszenieren solche Situationen sogar aktiv mit – unbewusst.
Unser Verhalten sendet ständig Signale aus, die bestimmte Reaktionen bei anderen hervorrufen.
Wenn ich als Führungskraft mit unterschwelliger Anspannung in Gespräche gehe, provoziere ich genau die Widersprüche, die ich eigentlich vermeiden will.
So erschaffe ich die „störrischen Mitarbeiter“ durch meine eigene Ausstrahlung mit.
Reflexion:
- Welche wiederkehrenden Muster erkennst du in deinen Beziehungen oder Führungssituationen – wo laufen Dinge immer wieder ähnlich ab?
- Wo könnten die Wurzeln dieser Dynamiken liegen – welche frühen Erfahrungen oder prägenden Situationen haben sie vielleicht geformt?
- Und was genau versucht dein Verhalten in diesen Momenten eigentlich zu sichern: Einfluss, Zugehörigkeit, Anerkennung, Kontrolle oder etwas anderes?
Die Dopamin-Falle: Warum negative Bestätigung süchtig macht
Hier passiert etwas Verrücktes in unserem Gehirn: Unser Belohnungssystem springt bei jeder Art von Bestätigung an – auch wenn das, was bestätigt wird, eigentlich schlecht für uns ist.
Du weißt, wie es sich anfühlt, wenn du denkst: „Hab ich mir doch gleich gedacht!“ Du fühlst dich plötzlich hellwach und triumphierend. Das ist dein Gehirn, das dir eine ordentliche Portion Dopamin serviert – seinen hausgemachten Cocktail für „Du hattest recht!“
Das Problem: Dein Gehirn ist ein echter Junkie, wenn es um dieses Belohnungshormon geht. Und es ist ihm völlig egal, ob die Bestätigung gut oder schlecht für dich ist – Hauptsache, du bekommst dein „Ich wusste es!“
Für Menschen mit alten Verletzungen wird das zur Falle: Sie suchen unbewusst Situationen, in denen ihre negativen Erwartungen bestätigt werden. Das vertraute Dopamin-High beruhigt sie.
Bei mir und Thomas war das perfekt zu beobachten: Jedes Mal, wenn er widersprach, bekam ich meinen kleinen Triumph. „Siehst du – ein schwieriger Typ, hab ich doch gesagt!“ Mein Gehirn feierte jede Bestätigung, ohne zu merken, dass ich damit mein eigenes Gefängnis baute.
Warum wir selbst so blind für unsere Muster sind
Du fragst dich vielleicht: Wenn diese Muster so offensichtlich sind – warum sehen sie Außenstehende oft klarer, als ich selbst?
Die Antwort liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns.
Wenn der emotionale Alarm angeht, wird unser rationales Denken regelrecht gekapert.
Die Amygdala – unser Angstzentrum – übernimmt die Kontrolle und schaltet unser bewusstes Denken ab (Präfrontalcortex). In diesem Zustand können wir kaum objektiv bewerten, was passiert. Wir fühlen nur intensive Emotionen und handeln entsprechend impulsiv.
Erst später, wenn sich die Wogen geglättet haben, setzt das Denken wieder ein. Doch statt das Muster zu erkennen, erklärt unser Gehirn die Situation weg – es liebt Kohärenz, Stimmigkeit. Also bastelt es plausible Geschichten:
„Dieser Mitarbeiter war wirklich unmöglich.“
„Meine Reaktion war völlig berechtigt.“
So bleibt der rote Faden verborgen, während unser Verstand die Wiederholung verteidigt.
Hinzu kommt: Unser Gehirn bevorzugt Informationen, die unsere bestehende Weltsicht bestätigen. Hast du dir einmal erklärt, dass du „immer an die Falschen gerätst“, suchst du automatisch nach Beweisen dafür.
Und das Perfide: Je stärker das Muster, desto kreativer wird das Großhirn beim Vertuschen.
Der Energieverschleiß alter Muster
Diese alten Muster kosten uns enorm viel Energie.
Unser Nervensystem läuft permanent auf Hochtouren, weil es glaubt, Gefahr abwehren zu müssen.
Das bringt uns weit weg von unserem natürlichen Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit.
Anstatt entspannt zu kooperieren, verschwenden wir Kraft fürs Kämpfen oder Verteidigen.
Das macht müde, frustriert und einsam – ein hoher Preis für ein Schutzsystem, das längst überholt ist.
Der Weg zu neuen Mustern: Sicherheit schaffen
Die gute Nachricht: Muster lassen sich verändern. Unser Gehirn ist plastisch und kann neue Wege lernen. Aber ein altes Verhalten einfach zu stoppen, funktioniert nicht.
Du musst es durch etwas Besseres ersetzen – etwas, das die gleiche Grundfunktion erfüllt, aber konstruktiver ist.
Der Schlüssel heißt wiederum Sicherheit. Das, was es damals nicht gab, darf neu etabliert werden.
Da die Wurzel der Muster in mangelnder Sicherheit liegt, brauchst du neue Erfahrungen von Stabilität und Geborgenheit.
Das kann körperliche Regulation (Atmung, Bewegung), zwischenmenschliche Ko-Regulation (vertrauensvolle Gespräche) oder die bewusste Neubewertung alter Situationen sein.
Entscheidend ist: Die Veränderung muss sowohl den Körper als auch den Verstand erreichen.
Reine Einsichten („Ich sollte nicht so reagieren“) greifen zu kurz, solange dein Nervensystem noch auf Alarm steht.
Du brauchst neue Sicherheitserfahrungen, die dem alten Programm zeigen: Es gibt bessere Wege, um geschützt und verbunden zu sein.
Daher ist es enorm wichtig, sich seiner negativen Überzeugungen bewusst zu werden und sich nach und nach immer mehr von deren herbeigeführter Bestätigung zu hüten, damit neue Erfahrungen und deren Bestätigung zu einem anderen Erleben führen können.
Fazit: Vom Automatismus zur bewussten Wahl
Wenn du deine eigenen Muster erkennst, ist das schon der erste große Schritt.
Plötzlich siehst du den roten Faden, der sich durch dein Leben zieht.
Du verstehst die positive Absicht dahinter und kannst dir selbst mit Mitgefühl begegnen.
Dieser Teil von dir hat versucht, dich zu schützen – auch wenn seine Methoden heute nicht mehr passen.
Mit dieser Erkenntnis kommt Wahlfreiheit. Du reagierst nicht mehr blind auf alte Trigger, sondern kannst bewusst entscheiden, wie du handeln möchtest. Das Muster verliert seine Macht über dich.
Oft braucht es dabei Unterstützung von außen – jemanden, der die blinden Flecken sieht, die du selbst nicht erkennen kannst. Jemanden, der nicht nur die Muster identifiziert, sondern auch hilft, neue Sicherheitserfahrungen zu schaffen und gesündere Reaktionen einzuüben.
Denn am Ende geht es nicht darum, perfekt zu werden oder nie wieder zu triggern.
Es geht darum, die alten Dramen zu durchschauen, die gute Absicht dahinter zu würdigen – und dann bewusst neue Geschichten zu schreiben.
Geschichten, in denen du frei wählst, wer du sein willst.
Was wäre, wenn du deine wiederkehrenden Muster nicht länger dem Zufall überlassen müsstest?
Welche neuen Möglichkeiten würden sich öffnen, wenn du die alten Scripts endlich durchschauen und durch bewusstere Reaktionen ersetzen könntest?



