Falsche Freunde enttarnen: Wie du im Führungsalltag echte Ressourcen erkennst.

von | 05.02.26 | Führung, Neurobiologie

Noch schnell die E-Mails vor Feierabend checken, um morgen entspannter zu starten? Manche Dinge scheinen uns gut zu tun, obwohl sie das Gegenteil bewirken. Wie du erkennst, was dich wirklich entspannt – und was nur ein getarntes Muster bedient.

Ein Mann im Hemd und dunkler Hose sitzt auf einem Splitbild links im Blaulicht des Monitors vor seinem Laptop, angespannt und konzentriert. Rechts sitzt er entspannt auf einer Parkbank im Grünen mit geschlossenen Augen, den Kopf zurückgelehnt.

Worum es im Artikel geht: 

  • Erleichterung ist keine Erholung: Wenn du eine Aufgabe erledigst, fühlt sich das gut an, ist aber meist nur ein Dopamin-Kick, der nicht erholt.
  • Dein Nervensystem hat womöglich ein falsches Zuhause: Wer jahrelang im Leistungsmodus funktioniert, speichert diesen Zustand als „normal“ ab. Echte Entspannung fühlt sich dann fremd an – und Anspannung wie Heimat. 
  • Dein Körper lügt nicht – dein Kopf schon: Lerne die Signale lesen, an denen du den Unterschied zwischen Ressource und Antreiber erkennst.

Das Muster, das sich als Ressource tarnt – und wie du es entlarvst

1. Von guten Vorsätzen zur Selbstoptimierung

Statt Mittagspause zu machen noch schnell was fertig kriegen, mag erleichtern. Das kennen wir alle. Doch hilft das, im Führungsalltag wirklich, den Stress zu reduzieren? Manch einer mag spontan sagen: „Logisch – get the shit done, damit ist es hinten raus weniger stressig!“

Und doch liegt in dieser Denke einer der häufigsten Gründe, warum Führungskräfte trotz freier Wochenenden erschöpft bleiben, trotz Urlaub nicht regenerieren.

Es gibt nämlich einen großen Unterschied zwischen Ressourcen und der Befriedigung innerer Muster. Viele tun sich schwer, ihn zu erkennen. Willst du wissen, woran man es erkennt?

2. Die Verwechslungsgefahr: Erleichterung ist keine Ressource

Eine Ressource gibt mir etwas, sie lädt Energie auf, lässt mich innerlich entspannen. Nach einer echten Ressource fühlst du dich nicht nur „weniger gestresst“ – du fühlst dich lebendiger.

Die Befriedigung eines inneren Musters funktioniert anders. Sie reduziert Druck. Der Berg wird kleiner, die innere Stimme gibt für einen Moment Ruhe. Aber das ist kein Auftanken. Es ist das Weiterfahren, obwohl im Cockpit längst „Müdigkeit erkannt!“ steht.
Der Haken ist: Beides fühlt sich im ersten Moment ähnlich an.

Hier ein paar Beispiele aus dem Führungsalltag:

  • Die Inbox auf Null bringen → ist Erleichterung, keine Ressource
  • Die Quartalszahlen bis Mitternacht noch optimieren → eher Triumph, keine Ressource
  • Endlich das schwierige Gespräch hinter sich haben → Erleichterung, aber keine Ressource

Und dagegen:

  • 20 Minuten genussvoll im Park sitzen, ohne aufs Handy zu schauen → Ressource
  • Ein echtes Gespräch mit jemandem, dem du vertraust → Ressource
  • Musik hören, die dich berührt → Ressource

Der Unterschied liegt nicht in der Aktivität selbst. Man kann auch „power-meditieren“ oder beim Spazierengehen die Mailbox abhören. ERROR!
Die Unterscheidung liegt in dem, was danach passiert. Erleichterung verfliegt schnell – oft bist du gedanklich schon bei der nächsten Aufgabe. Eine echte Ressource wirkt nach.

Aus Sicht der Nervensystemforschung: Wenn du eine Aufgabe erledigst, schüttet dein Gehirn Dopamin aus – den Botenstoff für Zielerreichung. Das fühlt sich gut an. Aber Dopamin ist kein Regenerationssignal. Es ist ein Antriebssignal: „Weiter so, nächstes Ziel.“

Echte Erholung braucht Signale, die deinem Nervensystem sagen: „Du bist sicher. Du kannst loslassen.“ Sie entstehen durch Verbindung, durch Ruhe, durch Momente, in denen nichts von dir verlangt wird. Das sind schwierige Vokabeln für Führungskräfte, ich weiß.

 

3. Warum wir das verwechseln: Das Muster als „sicherer Hafen“

Warum fällt uns diese Unterscheidung so schwer? Warum greifen wir in der Pause zum Laptop statt zum Spaziergang?

Die Antwort liegt im Nervensystem.
Unser Nervensystem lernt, welche Zustände „sicher“ sind – nicht objektiv, sondern im Sinne von: vertraut, vorhersehbar. Wer über Jahre im Leistungsmodus funktioniert hat, dessen System hat diesen Modus als Normalzustand abgespeichert. Anspannung fühlt sich dann nicht mehr wie Anspannung an. Sie fühlt sich an wie: Ich.

Das ist eine sogenannte Überlebensstrategie. Irgendwann hat dieses Muster geholfen – um Anerkennung zu bekommen, um Kontrolle zu behalten, um als Kind eben durchzukommen. Das System hat gelernt: Solange ich leiste, bin ich sicher.

Die Therapeutin Deb Dana nennt das „Home away from home“ – ein Ort, der sich wie Zuhause anfühlt, obwohl er keines ist. Viele Führungskräfte haben dort ihre Adresse angemeldet, ohne es zu merken.

In diesem Zustand funktioniert vieles. Du triffst Entscheidungen, lieferst Ergebnisse. Aber du regenerierst nicht. Du fährst auf Reserve – und weil du es für normal hältst, fährst du an allen Tankstellen vorbei.

Echte Entspannung kann sich sogar falsch anfühlen. Der Körper wartet auf das nächste Signal. Kommt nichts, entsteht Unruhe statt Ruhe. Das ist der Grund, warum viele Manager auch im Urlaub „Gas geben“ müssen – Aktivurlaub, Kiten, Abenteuer etc.

4. Die Kosten des Überlebensmodus

Der Überlebensmodus hat seinen Preis – spätestens ab der Lebensmitte.

Am Anfang funktioniert das System gut. Du lieferst, du performst. Das Nervensystem schüttet laufend Stresshormone aus, die dich durch den Tag tragen. Kurzfristig kein Problem. Dafür ist unser System gemacht und ja, deine Karriere profitiert davon.

Langfristig sieht die Rechnung anders aus. Dein Körper unterscheidet nicht zwischen dem Tiger, der dich jagt, und einem Vorstand, der Zahlen fordert. Die Reaktion ist dieselbe: Mobilisierung. Alles, was nicht dem Überleben dient, wird heruntergefahren. Das ist sinnvoll, wenn der Tiger in fünf Minuten weg ist. Fatal, wenn der Vorstand jeden Monat wiederkommt.

Was passiert, wenn dieses System dauerhaft läuft?

Die Liste ist lang und liest sich wie das Who’s Who der Führungskräfte-Beschwerden: Schlafprobleme, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, Autoimmunkrankheiten, chronische Entzündungen, Magen-Darmbeschwerden usw. Und irgendwann dieses diffuse Gefühl von Leere – selbst wenn der Erfolg da ist.

Burnout kommt selten als plötzlicher Zusammenbruch. Meistens schleicht es sich ein, getarnt als „stressige Phase“. Das Muster hält das System am Laufen – bis es nicht mehr kann.

Die gute Nachricht: Dein Nervensystem ist veränderbar. Nur dafür müssen wir erstmal merken, dass es im Überlebensmodus feststeckt.

5. Woran du den Unterschied erkennst: Körperliche Signale

Dein Kopf kann dich täuschen. Dein Körper nicht.
Wenn Muster befriedigt werden statt echter Erholung, merkst du das an folgenden Signalen:

  • Hohe Grundspannung im Körper – Kiefer fest, Nacken verspannt, Schultern hochgezogen
  • Der Atem bleibt flach oder kontrolliert – du atmest, aber es fließt nicht tief
  • Gedanken springen weiter – kaum ist eine Sache erledigt, kommt die nächste. Der Blick liegt innen, ohne echte Außenwarhnehmung.
  • Unruhe bei Stille – wenn nichts zu tun ist, wirst du nervös statt ruhig
  • Rückzug statt Verbindung – du willst eher allein sein

Erleichterung fühlt sich an wie eine kurze Pause im Gefecht. Das System bleibt wachsam, bereit für den nächsten Einsatz.

Echte Ressourcen hinterlassen andere Spuren:

  • Spontanes Seufzen oder Gähnen – der Körper lässt Spannung ab
  • Schultern, die sinken – Muskelanspannung löst sich
  • Der Atem wird tiefer und voller – nicht weil du es dir vornimmst
  • Gedanken werden ruhiger – das innere Kommentieren lässt nach
  • Fokus nach außen – du nimmst deine Umwelt bewusst wahr, die Farben, die Formen, etc.
  • Wärme, Weite, Leichtigkeit – der Körper wird „weit“, weich

Der Körper zeigt’s uns eigentlich sehr deutlich. Die Frage ist nur, ob wir ihm zuhören.

Ich gebe dir recht – auch nach der Erledigung einer wichtigen Aufgabe fällt man abends aufs Sofa und fühlt sich irgendwie erleichtert, aber eben doch primär müde. Und der Griff zum Rotwein bestätigt, dass da eher Anspannung abgebaut werden will.

Eine Tabelle mit zwei Spalten, die die Unterschiede der körperlichen Signale bei Regulation versus Kompensation zeigt

6. Reflexionsfragen

Die Tabelle klingt für dich sicher ziemlich eindeutig. Die Realität ist es leider oft nicht.

Wer jahrelang im Leistungsmodus funktioniert hat, für den fühlt sich Anspannung wie Normalzustand an. Du sollst etwas erkennen, das sich längst als „du“ getarnt hat.

Deshalb braucht es Übung. Regelmäßige kleine Momente der Selbstbeobachtung. Nur ehrliche Fragen, immer wieder:

 

  • Wie oft verwechsle ich „endlich erledigt“ mit „es geht mir gut“?
  • Was tue ich, wenn unerwartet eine Stunde frei wird?
  • Kann ich Stille aushalten, ohne zum Handy zu greifen?
  • Was ist mein “Home away from home?” –  In welches Muster verfalle ich bei Stress?
  • Welche Menschen, Orte oder Tätigkeiten hinterlassen bei dir echte Wärme?

7. Praktische Impulse – echte Ressourcen kultivieren

Wissen allein reicht leider nicht. Du wirst diesen Artikel verstehen, nicken, zustimmen – aber Muster sind stärker als die Einsicht. Zumindest am Anfang.

Den Unterschied üben
Drei Mal am Tag kurz innehalten. „Bin ich gerade entspannt – oder nur erleichtert?“ Keine Analyse, nur wahrnehmen. Setz dir Erinnerungen im Handy. 5 Sekunden reichen.

Den Körper als Kompass nutzen
Bevor du entscheidest, ob dir etwas guttut, frag den Körper. Wo sitzt Spannung? Wie geht der Atem?

Echte Ressourcen identifizieren
Mach eine Liste von dem, was dich wirklich nährt. Wenn Netflix draufsteht, ok – achte nur darauf, ob du es genießt oder zum Abschalten missbrauchst.

Die Qualitätsfrage stellen
Nach jeder vermeintlichen Erholung: „Fühle ich mich danach weit und offen – oder nur eigentlich müde und leer?“

Kleine Schritte, ohne Druck. Und ja: Am Anfang wirst du vielleicht merken, dass echte Ressourcen in deinem Leben seltener sind, als du dachtest. Glückwunsch, das ist der erste Schritt.

8. Fazit

Die Verwechslung zwischen Ressource und Musterbefriedigung ist das Ergebnis eines Nervensystems, das gelernt hat, in einer Art Schutzstrategie zu funktionieren – und das darin verdammt gut geworden ist.

Hier beginnt, was ich Neuro-Leadership nenne: bei der Frage, welche Muster mich lenken. Ein Nervensystem im Dauerstress trifft andere Entscheidungen als eines, das sich sicher fühlt. Es kommuniziert anders, hört anders zu, reagiert anders auf Druck. Dein Team spürt das.

Die Arbeit am eigenen Nervensystem ist also kein nice-to-have. Sie ist Führungskompetenz.

Eine Frage für heute: Was hat mich in den letzten Tagen wirklich genährt – und was hat nur den Druck reduziert?

Wenn du ins Stocken gerätst, ist das kein Problem. Es ist der Anfang.

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Über den Autor

Klaus Plaschka ist Executive Coach und Sparringspartner für Geschäftsführer und Unternehmer. Er zählt zu den Pionieren, die nervensystembasierte Führung ins deutsche Business bringen – und ist gefragter Impulsgeber zu Neuro-Leadership in Organisationen, die bereit sind, Führung vom Menschen her zu denken.

Er weiß, wovon er spricht: 20 Jahre als krisenerprobter Geschäftsführer im Mittelstand und ebenso lange die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Führung gelingen kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Heute suchen ihn Entscheider, die einen vertraulichen Raum brauchen – für die Themen, die echte Veränderung ins Leben und Business bringen. 

Klaus bedient den DACH-Raum von der Metropolregion München aus.

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